Wandlung
Geschrieben von ruediger um 23:56 in Allgemein

Wir wohnen seit 18 Jahren hier. Eine kleine schnuckelige 4 Zimmer Wohnung in einem 100 jährigen Haus, mitten in Wiesbadens Schmuckkästchen. Wie haben die Wohnung kurz vor der Geburt der besten Tochter von allen bezogen, ihr Zimmer mit Liebe und Hingabe als Babyzimmer hergerichtet.

Nach 4 Jahren wurde das Zimmer zum Kinderzimmer umgemodelt. Neue Tapeten, andere Farben, neuer Teppich und neue Möbel. Und die kleine Maus immer fleißig dazwischen, Werkzeuge reichen, Kartons zerrupfen, Aufräumen zuschauen wie wir werkelten. Weil partout keine passenden Regale zu bekommen waren, haben wir damals vieles aus Fichtenholzplatten selber gebaut. Das war schon ein tolles Zimmer und sie war stolz wie Oskar.

Dann brauchte sie ein größeres Bett, einen anderen Schreibtisch, ein größerer Schrank, das Zimmer wuchs wieder mit. Der Wechsel zum Mädchenzimmer war schwer, weil ‘plötzlich’ war es kein kleines Kind mehr, sie hatte bestimmte Vorstellungen oder Wünsche und verstand diese auch bockig durchzusetzen.´Also wieder Möbel raus und diesmal richtig coole Sachen besorgt, neuer Teppich, eine kleine Schlafcouch, einen besseren Schreibtisch, Stehlampen – sie wusste was sie wollte. Der Aufbau und das Aufstellen waren diesmal alles andere als einfach. Wenn Mutter mit Tochter am zanken sind, wie was gehört und wo genau was hingestellt wird, die Tochter jedoch komplett anderer Meinung ist, Männer ich sage euch geht aus der Wohnung und wartet bis das vorbei ist.

Das Zimmer wurde später durch diverse Poster ‘aufgewertet’. Sie wollte keine Reißzwecken nehmen, sondern nur Tesafilm. Demzufolge sahen die Wände recht bald ziemlich übel aus, weil je nach Musik und Liebling. Die Schranktüren wurden beklebt, ein ‘nicht stören’ Schild gebastelt, das Zimmer wurde zur Mädchenhöhle. Wobei wir ihren Raum schon immer respektierten. Wir klopfen seit jeher vorher an, wenn wir rein gehen und wenn die Tür zu war, wird sie auch danach wieder geschlossen.

Der Teppich musste nach einem ‘Unfall’ dann vor einigen Jahren erneuert werden, der Schreibtisch war zu klein, die Kindercouch war kaputt gesessen, die Tapete verbraucht, alte Farbe, aus der Mädchenhöhle wurde ein Jugendzimmer. Die hübschen Poster wurden gegen teilweise hässliche und mitunter mehr provokative ersetzt. Der Tesafilm wurde verbannt, überall lagen Reißzwecken herum. Eine Qual bis alles fertig war, aber danach war sie zufrieden.

Vor ein paar Wochen wollte sie wieder, dass wir im Zimmer was machen müssten. Das Bett wäre zu klein und überhaupt müsste mal wieder umgestellt werden. Die Schlafcouch ist ein Reinfall (ist sie auch) und sie wolle ein Teil der alten Bücher weg haben und so weiter.

Die Gattin ging mit ihr also ein neues breiteres Bett kaufen, die Regale wurden entfernt, wunschgemäß wurden die Bücher verbracht, der Schreibtisch versetzt. Die Poster wurden wieder ruhiger und feiner, ein Großteil der ganzen Aufkleber wurde ohne das wir etwas gesagt haben eines Abends mit Scheuermilch entfernt.

Heute mittag haben wir, besser sie das neue Bett fast alleine aufgebaut und alles wurde nach Ihren Wünschen diesmal ohne Zank umgestellt. Ich konnte den Kopf nicht freibekommen und sah uns immer wieder in den Jahren zuvor, ihr Zimmer gemäß ihrer Wünsche und ihres Alters umbauen bzw. umzugestalten. Jetzt ist es fast fertig und es ist das Zimmer einer jungen Frau geworden. Das macht mich melancholisch. Sie hat fast alles alleine gemacht, ich habe nur assistiert und gehalten. Wie die Zeit vergeht.

Und wofür macht man das? Für ein Danke (was sicher noch kommt ) und für ein Lachen wie dieses:

Mit ausdrücklicher Erlaubnis der besten Tochter von allen – danke Schatz.

Sie ist die beste Tochter von allen, egal wie sie sich anstellt.

[crosspost mit thatblog.de]

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